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	<title>Vipassana Archive - Vipassana Jetzt</title>
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	<description>Buddha&#039;s direkter Weg zur Befreiung im Leben</description>
	<lastBuildDate>Sun, 30 Aug 2026 08:36:32 +0000</lastBuildDate>
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	<item>
		<title>Wenn eine tiefe Meditationserfahrung zum Hindernis wird</title>
		<link>https://vipassana-jetzt.de/tiefe-meditationserfahrung/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Adriaan van Wagensveld]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 08 Sep 2026 06:00:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Vipassana]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Eine außergewöhnlich stille Meditation kann wunderschön sein – und später zum Hindernis werden. Was geschieht, wenn wir versuchen, eine vergangene Erfahrung wiederherzustellen?</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://vipassana-jetzt.de/tiefe-meditationserfahrung/">Wenn eine tiefe Meditationserfahrung zum Hindernis wird</a> erschien zuerst auf <a href="https://vipassana-jetzt.de">Vipassana Jetzt</a>.</p>
]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p class="wp-block-paragraph">Manchmal geschieht in einem Vipassana-Retreat etwas Außergewöhnliches.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Geist wird still. Gedanken werden weniger. Vielleicht sitzen wir eine Stunde da und sind fast die ganze Zeit beim Atem. Alles scheint plötzlich einfach.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Solche Erfahrungen können wunderschön sein.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Und sie können uns lange im Weg stehen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Nicht weil mit ihnen etwas nicht stimmt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Sondern weil wir anfangen, <strong>die heutige Meditation mit einer vergangenen zu vergleichen.</strong></p>



<h2 class="wp-block-heading">So kann Meditation sein</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Viele Menschen setzen sich hin – und denken.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Sie kehren zum Atem zurück und sind kurz darauf wieder bei einem Gespräch von gestern, einer Aufgabe von morgen oder irgendeinem Problem.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dann bemerken sie es.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Zurück zum Atem.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Kurz darauf denken sie wieder.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Irgendwann entsteht der Eindruck:</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Ich kann nicht meditieren.</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Besonders überzeugend wird dieser Gedanke, wenn wir schon einmal erlebt haben, dass es anders sein kann.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Vielleicht gab es diesen einen Morgen. Diese eine Stunde. Dieses eine Retreat.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Plötzlich war der Geist still.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wir mussten uns nicht anstrengen. Wir waren einfach da.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Danach wissen wir:</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>So kann Meditation sein.</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Und genau dieses Wissen kann zum Problem werden.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Wenn Menschen zum zweiten Retreat kommen</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Ich sehe das besonders deutlich, wenn Menschen nach einem ersten Retreat wiederkommen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Manche haben beim ersten Mal etwas erlebt, das sie tief berührt hat. Eine ungewohnte Stille. Klarheit. Weite. Eine Intensität der Wahrnehmung, die sie aus ihrem Alltag nicht kannten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Diese Erfahrung kann ein wichtiger Grund sein, wiederzukommen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Natürlich möchten sie wieder dorthin.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Nur: <strong>So funktioniert es nicht.</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Denn die besondere Erfahrung ist beim ersten Mal gerade nicht entstanden, weil wir sie erleben wollten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Vielleicht konnte sie entstehen, weil für einen Moment das Wollen stiller geworden war. Weil wir unsere Vorstellungen davon, was geschehen sollte, losgelassen hatten und wirklich da waren.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Beim zweiten Retreat wissen wir nun, was möglich ist.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Und im Hintergrund läuft die Frage:</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Wann kommt es wieder?</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Hier können Menschen lange hängen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wir versuchen etwas wiederherzustellen, das gerade dadurch entstanden ist, dass wir aufgehört hatten, etwas herstellen zu wollen.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Eine wirkliche Erfahrung wird zur Vorstellung</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Gestern war die Meditation weit und still.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Heute ist sie unruhig.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die gestrige Stille war wirklich.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber heute ist sie Erinnerung.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wenn ich versuche, wieder dorthin zu kommen, schaue ich nicht mehr vollständig auf das, was jetzt geschieht.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich schaue auf die Gegenwart – und halte daneben ein Bild der Vergangenheit.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>So war es.</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>So sollte es wieder sein.</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Ausgerechnet eine tiefe Meditationserfahrung kann uns dann daran hindern, das zu tun, worum es für mich in Vipassana geht:</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>die Wirklichkeit wahrzunehmen, die jetzt da ist.</strong></p>



<h2 class="wp-block-heading">Woran erkennen wir, dass Meditation wirkt?</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Nach vielen Jahren Praxis interessiert mich immer weniger, ob eine Meditation besonders tief, ruhig oder außergewöhnlich war.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Mich interessieren zwei andere Fragen:</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Bist du wirklich jetzt gegenwärtig?</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Und:</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Was verändert die <a href="https://vipassana-jetzt.de/vipassana-im-alltag-wahrnehmung/" data-type="post" data-id="27742" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Praxis in deinem Leben</a>?</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Vielleicht denkst du während einer Stunde fünfzig Minuten. Aber erkennst du etwas früher, dass du denkst?</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wenn dich etwas verletzt – merkst du früher, was in dir geschieht?</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wenn Angst auftaucht – bist du ihr vollkommen ausgeliefert oder kannst du auch wahrnehmen: Da ist Angst?</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wenn dich jemand ärgert – entsteht ein kleiner Raum, bevor du reagierst?</p>



<p class="wp-block-paragraph">Vielleicht sitzt jemand seit Jahren auf dem Meditationskissen und wartet darauf, endlich „gut meditieren“ zu können.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Und währenddessen hat sich sein Leben längst verändert.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Auch das Schöne loslassen</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Das betrifft nicht nur Meditation.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Unser Körper konnte einmal etwas, was er heute nicht mehr kann.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Eine Beziehung hatte eine Nähe, die wir vermissen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wir haben uns einmal vollkommen lebendig gefühlt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Nichts davon war eingebildet.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber sobald die Vergangenheit bestimmt, wie die Gegenwart sein sollte, kann etwas Schönes, das wirklich geschehen ist, uns daran hindern zu sehen, was jetzt geschieht.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wir müssen nicht nur das Unangenehme loslassen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Manchmal müssen wir gerade das Schöne loslassen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Nicht indem wir es entwerten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Es war schön.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Es war tief.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Es war wirklich.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Und es ist vorbei.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Jetzt ist dies hier.</strong></p>



<h2 class="wp-block-heading">Ein Retreat ist keine Wiederholung</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Vielleicht ist das einer der Gründe, warum ein <a href="https://vipassana-jetzt.de/vipassana-retreats/" data-type="page" data-id="21520">Retreat</a> so interessant sein kann.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Für einige Tage fällt vieles weg. Für Essen und Unterkunft ist gesorgt. Es gibt wenig zu entscheiden. Wir müssen nichts darstellen und nirgendwohin.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wir sitzen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wir gehen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wir essen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wir schlafen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Und wir schauen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Vielleicht wird es still.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Vielleicht wird es unruhig.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Vielleicht begegnen wir etwas Angenehmem, vielleicht etwas, das wir lieber nicht hätten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das Entscheidende ist nicht, eine bestimmte Erfahrung zu bekommen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Nicht:</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Wie bekomme ich die Erfahrung, die ich haben möchte?</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Sondern:</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Was geschieht jetzt?</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Darin liegt für mich die Einladung eines Vipassana-Retreats.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Für einige Tage nicht versuchen, eine bestimmte Erfahrung herzustellen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Sondern so wenig wie möglich verlangen, dass dieser Moment anders sein soll.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Und schauen, was dann geschieht.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><br><strong>Bild:</strong> Shakyamuni in Meditation, Detail aus „Miracle of the Dragon“, <a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Shakyamuni_detail,_Clevelandart_1991.9_(cropped).jpg?utm_source=chatgpt.com" data-type="attachment" data-id="27872" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Cleveland Museum of Art</a>, CC0.</p>
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			</item>
		<item>
		<title>Die Fähigkeit, naiv zu werden</title>
		<link>https://vipassana-jetzt.de/naivitaet-vipassana-nichtwissen/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Adriaan van Wagensveld]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 29 Aug 2026 09:17:03 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Vipassana]]></category>
		<category><![CDATA[Anfängergeist]]></category>
		<category><![CDATA[Elon Musk]]></category>
		<category><![CDATA[Naivität]]></category>
		<category><![CDATA[Nichtwissen]]></category>
		<category><![CDATA[Wahrnehmung]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Naivität muss nicht Unwissenheit bedeuten. Sie kann die Fähigkeit sein, viel zu wissen und das eigene Wissen dennoch zur Seite zu stellen. Über Elon Musk, Nichtwissen und eine für mich wesentliche Qualität von Vipassana.</p>
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]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p class="wp-block-paragraph">„Naiv“ ist im heutigen Sprachgebrauch meistens kein Kompliment.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wenn wir jemanden politisch naiv nennen, meinen wir gewöhnlich: Er durchschaut die Zusammenhänge nicht. Ihm fehlt Erfahrung, Sachkenntnis oder Urteilsvermögen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber das Wort hat noch eine andere Bedeutung. Der <a href="https://www.duden.de/rechtschreibung/naiv?utm_source=chatgpt.com" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Duden</a> nennt neben „arglos“, „gutgläubig“ und „einfältig“ auch: <strong>„kindlich unbefangen, direkt“</strong>. In der Literaturwissenschaft bezeichnet „naiv“ sogar etwas, das <strong>„in vollem Einklang mit Natur und Wirklichkeit“</strong> steht.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In dem Wort liegen also zwei sehr unterschiedliche Möglichkeiten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ein Mensch kann naiv sein, <strong>weil er etwas nicht weiß</strong>.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Und ein Mensch kann die Fähigkeit besitzen, <strong>naiv zu werden, obwohl er viel weiß</strong>.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Diese zweite Naivität interessiert mich. Für mich ist sie ein wesentlicher Teil von Vipassana.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Naivität vor und nach dem Wissen</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Ein Kind begegnet vielem naiv, weil es die Welt noch nicht kennt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das hat offensichtliche Nachteile. Ihm fehlen Erfahrungen und Unterscheidungen, die ein Erwachsener braucht.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber ein Kind besitzt gleichzeitig etwas, das wir Erwachsenen leicht verlieren:</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Es kann schauen, bevor es weiß, was es sehen soll.</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Vielleicht berührt Jesus etwas davon, wenn er ein Kind in die Mitte seiner Jünger stellt und sagt: „<a href="https://www.die-bibel.de/bibel/LU17/MAT.18.3?utm_source=chatgpt.com" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Wenn ihr nicht umkehrt und werdet wie die Kinder, so werdet ihr nicht ins Himmelreich kommen.</a>“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Mich interessiert diese Bewegung. Der Weg führt offenbar nicht nur über immer mehr Wissen, Erfahrung und Kompetenz. Es gibt auch eine Bewegung zurück – oder vielleicht hindurch – zu einer neuen Unbefangenheit.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Nicht wieder unwissend werden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Sondern nach dem Wissen wieder naiv werden können.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Naive Kunst</h2>



<p class="wp-block-paragraph">In der Kunst lässt sich dieser Unterschied gut sehen.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="https://www.nga.gov/artists/1874-henri-rousseau?utm_source=chatgpt.com" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Henri Rousseau</a>, einer der bekanntesten Vertreter naiver Kunst, war Autodidakt. Seine berühmten Dschungelbilder entstanden ohne akademische Kunstausbildung – und sogar ohne dass Rousseau jemals einen Dschungel gesehen hatte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Bei <a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:%22Midsummer_Night_in_Harlem%22_-_NARA_-_559069.jpg?utm_source=chatgpt.com" data-type="link" data-id="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:%22Midsummer_Night_in_Harlem%22_-_NARA_-_559069.jpg?utm_source=chatgpt.com" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Palmer Hayden</a> liegt die Sache anders.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Hayden studierte Kunst in New York, Maine und Paris. Er konnte also auf eine akademische Ausbildung zurückgreifen. Trotzdem entwickelte er später bewusst einen naiven Stil. In <em><a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:%22Midsummer_Night_in_Harlem%22_-_NARA_-_559069.jpg?utm_source=chatgpt.com">Midsummer Night in Harlem</a></em> von 1938 sieht man vereinfachte Figuren und flächige Formen – zugleich verraten Komposition und Perspektive seine Ausbildung.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das finde ich interessant:</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Der Künstler könnte anders.</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Naivität ist dann nicht einfach das, was übrig bleibt, weil jemand etwas noch nicht gelernt hat.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Sie wird nach dem Lernen wieder möglich.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Wissen hilft uns – und kann uns blind machen</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Wir brauchen Wissen. Wir lernen aus Erfahrungen, erkennen Zusammenhänge und unterscheiden immer genauer.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber Wissen hat eine Nebenwirkung.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Je mehr wir wissen, desto schneller wissen wir auch, <strong>was etwas ist</strong>.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wir sehen einen Menschen – und wissen schon, mit wem wir es zu tun haben.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wir hören „AfD“, „Grüne“, „Trump“, „Migration“, „Israel“, „Palästina“ oder „Elon Musk“ – und ein ganzes Geflecht aus Informationen, Bewertungen und Gefühlen ist bereits da.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das ist nützlich.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Und es kann uns blind machen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Denn irgendwann sehen wir möglicherweise nicht mehr, was vor uns steht. Wir sehen vor allem noch, was wir bereits darüber wissen.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Was mich an Elon Musk fasziniert</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Elon Musk ist für mich ein interessantes Beispiel.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich beschäftige mich seit vielen Jahren mit seiner Arbeit und habe vermutlich einige hundert Stunden lange Gespräche mit ihm gehört.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Mich interessiert dabei nicht nur, <strong>was</strong> er denkt, sondern wie er denkt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Immer wieder entsteht bei mir der Eindruck, einem Menschen tatsächlich beim Denken zuzusehen. Eine Frage wird gestellt. Musk hält inne. Dann beginnt er zu suchen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Natürlich ist das meine Wahrnehmung. Ich sehe einen Menschen in aufgezeichneten Gesprächen und interpretiere, was ich sehe.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber ich glaube bei ihm eine Fähigkeit zu erkennen, die ich mit Naivität meine:</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Sehr viel wissen und trotzdem wieder nicht wissen können.</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Vielleicht erklärt diese naive Neugier sogar einen Teil seines ungewöhnlichen Erfolgs.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ein Gedanke, den Musk immer wieder formuliert, passt dazu sinngemäß:</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Die Physik ist Gesetz. Alles andere sind Empfehlungen.</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Dass eine Rakete auf eine bestimmte Weise gebaut werden müsse, weil Raketen eben so gebaut werden, ist noch kein Naturgesetz. Dasselbe gilt für Autos, Fabriken oder Unternehmen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Frage lautet zunächst:</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Was lässt die Wirklichkeit tatsächlich zu?</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Wenn die Physik etwas ausschließt, wird es nicht funktionieren.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wenn aber nur unsere Gewohnheiten und Vorstellungen sagen, dass etwas unmöglich sei, kann man noch einmal schauen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Man weiß, wie Raketen gebaut werden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Und dann versucht man für einen Moment zu vergessen, wie Raketen gebaut werden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Nicht um das Wissen wegzuwerfen, sondern um unterscheiden zu können:</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Was davon ist Wirklichkeit – und was nur das, was wir bisher für Wirklichkeit gehalten haben?</strong></p>



<h2 class="wp-block-heading">Und ausgerechnet bei Musk verliere ich leicht meine Naivität</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Hier wird es für mich persönlich interessant.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Denn genau diese Fähigkeit fällt mir manchmal schwer, wenn andere Menschen über Musk sprechen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Jemand sagt etwas, das nach allem, was ich weiß, falsch oder zumindest schlecht informiert erscheint.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Und ich beginne zu erklären.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ein Beispiel führt zum nächsten. Auf einen Einwand kann ich mit einem weiteren Interview, einer Entwicklung oder einer Aussage reagieren.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Vielleicht habe ich sogar recht.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber irgendwann geschieht etwas Interessanteres:</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Ich untersuche nicht mehr. Ich beweise.</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich weiß schon, warum mein Gegenüber zu seiner Ansicht gekommen ist: Er ist nicht ausreichend informiert.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Vielleicht stimmt sogar das.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber habe ich noch gefragt?</p>



<p class="wp-block-paragraph">Was meint dieser Mensch eigentlich genau?</p>



<p class="wp-block-paragraph">Was hat er gesehen?</p>



<p class="wp-block-paragraph">Weiß er etwas, das ich nicht weiß?</p>



<p class="wp-block-paragraph">Und könnte seine Antwort mein eigenes Bild tatsächlich verändern?</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wenn nicht, bin ich vielleicht sehr gut informiert.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber ich schaue nicht mehr.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Sich naiv machen</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Damit komme ich für mich unmittelbar zu Vipassana.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Wir können lernen, uns naiv zu machen.</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Das bedeutet nicht, dümmer zu werden. Ich muss meine Erfahrungen nicht verleugnen und mein Wissen nicht vergessen. Eine gut belegte Aussage und eine beliebige Behauptung sind nicht dasselbe.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich stelle mein Wissen für einen Moment zur Seite.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Und schaue.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Was ist tatsächlich da?</p>



<p class="wp-block-paragraph">Was weiß ich?</p>



<p class="wp-block-paragraph">Was glaube ich?</p>



<p class="wp-block-paragraph">Was schließe ich aus?</p>



<p class="wp-block-paragraph">Und könnte es anders sein?</p>



<p class="wp-block-paragraph">Diese Fähigkeit, sich naiv zu machen, ist für mich ein wesentlicher Teil von Vipassana.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Nichtwissen ist nicht Unwissenheit</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Unwissenheit weiß etwas nicht.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das Nichtwissen, von dem ich hier spreche, kennt das Wissen – ist aber nicht vollständig darin gefangen.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Der Anfänger weiß nicht, weil er noch nicht gelernt hat.</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Der Erfahrene kann nicht wissen, weil er gelernt hat, sein Wissen zur Seite zu stellen.</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Das Zweite ist schwieriger.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Gerade wenn ich viel von einem Gebiet verstehe, habe ich gute Gründe, meinem Urteil zu vertrauen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Kann ich trotzdem für einen Moment wieder Anfänger sein?</p>



<p class="wp-block-paragraph">Kann ich eine Frage stellen, die nicht nur ein Argument mit einem Fragezeichen am Ende ist?</p>



<p class="wp-block-paragraph">Kann mein Gegenüber etwas sagen, das mein Bild tatsächlich verändert?</p>



<p class="wp-block-paragraph">Vielleicht besteht Weisheit nicht darin, irgendwann so viel zu wissen, dass wir die Welt verstanden haben.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Vielleicht besteht sie auch in der zunehmenden Fähigkeit, unser Wissen wieder zur Seite zu stellen – lange genug, damit die Wirklichkeit noch einmal die Gelegenheit bekommt, uns zu überraschen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Es gibt eine Naivität vor dem Wissen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Und eine Naivität nach dem Wissen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die erste bekommen wir geschenkt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die zweite müssen wir üben.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Für mich ist genau diese zweite Naivität Vipassana:</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>wissen – das Wissen zur Seite stellen – schauen – und bereit sein, dass die Wirklichkeit anders ist, als wir bisher wussten.</strong></p>
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