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Aus dem Drama heraus

Herzlich willkommen bei Vipassana Jetzt.

Mein Name ist Adriaan van Wagensveld. Ich habe in den letzten 18 Jahren 91 zehntägige Vipassana-Retreats geleitet und die letzten sechs Jahre jeden Morgen live eine einstündige Meditation angeleitet – für Menschen, die meditieren möchten, die üben möchten, die verstehen möchten, was dieses Leben eigentlich ist.

Aus dieser Erfahrung spreche ich.

Woran erkennt man einen Buddhisten?

Es geht dabei natürlich nicht darum, was jemand trägt oder womit jemand sich identifiziert. Nicht um irgendein äußeres Etikett.

Vielleicht ist ein gutes Kennzeichen:
Ein Buddhist ist größtenteils aus dem Drama heraus.

Die Entdramatisierung des Lebens – das ist eigentlich eine ziemlich gute Umschreibung buddhistischer Praxis.

Da passieren Dinge im Leben, die wir nicht erwartet haben. Dinge, mit denen wir nicht einverstanden sind. Dinge, die wir als unangenehm empfinden. Und unser Gehirn bietet uns Reaktionen an. Viele dieser Reaktionen enthalten ein Element von Drama.

Und was eine Vipassana-Praxis mit den Jahren bringen kann – erwarte keine Wunder nach ein paar Tagen – ist, dass das Gehirn weniger Drama anbietet. Oder dass du wach genug wirst, gegenwärtig genug wirst, um zu merken:

„Ah. Da ist wieder Drama.“

Und dann musst du da nicht automatisch mitgehen.

Dann entsteht ein kleiner Raum.
Ein bisschen Bewusstsein.
Ein bisschen Freiheit.

Und plötzlich gibt es Alternativen.

Nicht im Sinne von:
„Ich muss jetzt spirituell reagieren.“
Sondern:
Du kannst wahrnehmen, was wirklich passiert, und dementsprechend denken und handeln.

Das ist die Übung.


Wie Drama entsteht

Natürlich gibt es ritualisierte Formen des Buddhismus. Du kannst tibetische oder japanische Begriffe lernen, Texte studieren, fremde Sprachen lernen. Das kann alles hilfreich sein. Aber darum geht es nicht wirklich.

Es geht um diese Entdramatisierung des Lebens.

Und das beginnt sehr früh.

Ich habe gerade wieder ein kleines Kind gesehen. Und ich habe beobachtet, wie Eltern versuchen herauszufinden:
Was braucht dieses Kind?
Was braucht es vielleicht nicht?
Wie versteht man die Sprache dieses kleinen Körpers, der noch gar nicht sprechen kann?

Damit dieses Wesen merkt:
Ich bin versorgt.
Ich bin sicher.
Ich werde gehalten.
Ich werde geliebt.

Noch bevor Worte da sind.

Und wenn das Kind Durst hat oder friert oder sich alleine fühlt oder die Windel drückt, dann schreit es. Und wenn darauf geantwortet wird, lernt dieses kleine Wesen:

Die Welt trägt mich.
Ich darf da sein.

Und dann kommt irgendwann zum ersten Mal so etwas wie Unsicherheit.

Vielleicht wird das Kind in die Betreuung gebracht. Die Mutter oder der Vater geht weg. Für Erwachsene ist das normal. Für das Kind kann das ein kleiner Weltuntergang sein.

Und irgendwann lernen wir alle Kunstgriffe, um Einfluss auf die Wirklichkeit zu nehmen.

Das nennen wir später Drama.

Wir kennen alle diesen Unterschied:
Ein Kind stößt sich wirklich und weint.
Oder ein Kind stößt sich, schaut erst einmal, ob jemand zusieht – und beginnt dann zu weinen.

Da ist schon etwas Dramaturgisches drin.

Und bis wir eingeschult werden, haben wir längst eine ganze Palette solcher Strategien gelernt. Nicht bewusst. Unsere Eltern auch nicht bewusst. Das passiert einfach.

Und wir tragen das mit uns durchs ganze Leben.

Vielleicht kennst du das aus Beziehungen. Erwachsene Menschen können sich manchmal verhalten wie Kinder im Supermarkt:

„Ich bekomme nicht, was ich will.
Und solange ich es nicht bekomme, mache ich Druck.“

Natürlich in erwachsenen Varianten.


Die Kunst der Ablenkung

Und dann passiert noch etwas Entscheidendes.

Ein Kind weint. Die Eltern schauen:
Ist die Windel sauber?
Hat es getrunken?
Ist ihm kalt?

Und wenn sie nichts finden, beginnen viele Eltern, das Kind abzulenken.

Und genau da beginnt etwas.

Wir lernen:
Wenn etwas unangenehm ist, dann weg damit.
Dann lenken wir uns ab.
Dann beschäftigen wir uns.
Dann nehmen wir irgendetwas.

Aber was dabei verloren geht, ist die Möglichkeit, einfach wahrzunehmen:

Da ist gerade etwas Unangenehmes.
Ich bleibe einen Moment da.
Ich beobachte.
Und ich merke:
Es verändert sich.
Es vergeht wieder.

Alles entsteht.
Bleibt eine Weile.
Und vergeht wieder.

Und gleichzeitig entdecken wir:
Es gibt nichts im Leben, das vollkommen rund läuft. In allem ist auch etwas Unangenehmes enthalten. Körperlich oder geistig.

Das ganze Leben lehrt uns das eigentlich die ganze Zeit.

Aber wir versuchen dem zu entkommen.


Das Projekt „glücklich werden“

Und daraus entsteht ein Projekt:
Das Projekt „glücklich werden“.

Wir bauen uns ein Leben auf.
Gute Noten.
Beruf.
Geld.
Status.
Sicherheit.
Freiheit.
Absicherung.

Und irgendwann wird das ganze Leben zu einem Projekt.

To-do-Listen.
Durchgeplante Wochen.
Monate.
Jahre.
Etappenziele.

Und wir leben in diesem Projekt.

Ein Zen-Meister – Linji – dessen ganze Lehre könnte man vielleicht mit einem einzigen Wort zusammenfassen:

Projektlosigkeit.

Das heißt nicht, dass man nie plant. Natürlich plant man manchmal etwas. Aber man macht aus dem Leben kein Dauerprojekt mehr.

Woran erkennt man einen Buddhisten?

Er lebt mehr im Hier und Jetzt.

Er vertraut darauf, dass dieses Wunderwerk Mensch mit all seinen Fähigkeiten grundsätzlich in der Lage ist, dieses Leben zu führen.


Das Ich im Mittelpunkt

Und langsam beginnt man auch zu sehen, dass dieses „Ich“, das wir ständig empfinden, vielleicht doch nicht ganz so solide ist, wie wir glauben.

Alles, was du siehst, siehst du durch diese Augen.
Alles, was du hörst, hörst du durch diese Ohren.
Alles, was du denkst, erinnerst oder planst, entsteht in diesem einen Wunderwerk von Gehirn und Körper.

Und daraus entsteht irgendwann dieses Gefühl:

„Da drin bin ich.“

Aber wenn man sehr genau hinschaut, wird dieses Ich erstaunlich schwer zu finden.

Das erste große Merkmal des Lebens:
Alles verändert sich.

Das zweite:
Dieses feste Ich ist nicht so fest, wie wir glauben.

Und das dritte:
In allem ist auch etwas Unangenehmes enthalten.

Und ein Buddhist versucht, diese Wirklichkeit wahrzunehmen, statt nur in Vorstellungen über das Leben zu leben.


Sich hinsetzen und nichts tun

Der Weg, den ich gegangen bin, ist der Weg der unmittelbaren Erfahrung.

Vipassana.

Und dort beginnt alles erstaunlich schlicht.

Du setzt dich hin.
Oder du legst dich hin.
Und du machst einmal nichts.

Wirklich nichts.

Das klingt simpel. Ist es aber nicht.

Denn normalerweise leben wir wie auf einer Welle. Das Leben trägt uns die ganze Zeit weiter:
Arbeit.
Verpflichtungen.
Termine.
Gespräche.
Pläne.

Und dann setzt du dich plötzlich hin und steigst aus.

Und die ganze Welle bricht über dir zusammen.

Du merkst:
Das Denken hört gar nicht auf.
Das Planen hört nicht auf.
Das Erinnern hört nicht auf.
Das Suchen nach Problemen hört nicht auf.

Und zum ersten Mal siehst du vielleicht wirklich, wie dein Geist eigentlich funktioniert.

Das ist eine Entdeckungsreise.

Im Satipatthana Sutta – einer der grundlegenden Lehrreden zur Achtsamkeitspraxis – beschreibt der Buddha einen sehr einfachen Weg:

Sitzen.
Gehen.
Atmen.
Wahrnehmen.

Und langsam beruhigt sich etwas.

Meine Erfahrung ist:
Bei vielen Menschen kommt nach einigen Tagen eine erste echte Ruhe in den Geist. Nicht dauerhaft. Aber spürbar.

Und plötzlich entsteht Raum.

Dann beginnt man, den Körper wirklich wahrzunehmen.
Den Atem.
Die Spannung.
Den Herzschlag.
Die Wärme.
Die Bewegungen.

Der Körper erscheint wieder.

Und daraus entsteht langsam ein anderes Leben.


Einen Tee trinken

Woran erkennt man einen Buddhisten?

Vielleicht daran:

Er kann einfach einen Tee trinken.

Nicht als spirituelles Theater.
Nicht:
„Schau mal, wie achtsam ich Tee trinke.“

Sondern wirklich.

Der Tee reicht gerade.

Und wenn du mit ihm sprichst, dann reicht vielleicht gerade auch einfach das Zuhören.

Nicht sofort beraten.
Nicht sofort belehren.
Nicht sofort reagieren.

Einfach da sein.

Und wenn etwas Unangenehmes passiert, entsteht vielleicht zuerst Wahrnehmung statt Drama.

Nicht sofort:
„Das muss weg.“
„Das darf nicht sein.“
„Ich muss mich verteidigen.“

Sondern erst einmal:

„Ah. So fühlt sich das gerade an.“

Und daraus entsteht Geduld.
Eine Langzeitgeduld.

Vipassana-Menschen wissen oft:
Die wichtigen Dinge brauchen Zeit.


Vielleicht genau daran

Woran erkennt man einen Buddhisten?

Vielleicht genau daran.


Wenn dich diese Themen interessieren und du tiefer in die Vipassana Praxis eintauchen möchtest: