Manchmal geschieht in einem Vipassana-Retreat etwas Außergewöhnliches.
Der Geist wird still. Gedanken werden weniger. Vielleicht sitzen wir eine Stunde da und sind fast die ganze Zeit beim Atem. Alles scheint plötzlich einfach.
Solche Erfahrungen können wunderschön sein.
Und sie können uns lange im Weg stehen.
Nicht weil mit ihnen etwas nicht stimmt.
Sondern weil wir anfangen, die heutige Meditation mit einer vergangenen zu vergleichen.
So kann Meditation sein
Viele Menschen setzen sich hin – und denken.
Sie kehren zum Atem zurück und sind kurz darauf wieder bei einem Gespräch von gestern, einer Aufgabe von morgen oder irgendeinem Problem.
Dann bemerken sie es.
Zurück zum Atem.
Kurz darauf denken sie wieder.
Irgendwann entsteht der Eindruck:
Ich kann nicht meditieren.
Besonders überzeugend wird dieser Gedanke, wenn wir schon einmal erlebt haben, dass es anders sein kann.
Vielleicht gab es diesen einen Morgen. Diese eine Stunde. Dieses eine Retreat.
Plötzlich war der Geist still.
Wir mussten uns nicht anstrengen. Wir waren einfach da.
Danach wissen wir:
So kann Meditation sein.
Und genau dieses Wissen kann zum Problem werden.
Wenn Menschen zum zweiten Retreat kommen
Ich sehe das besonders deutlich, wenn Menschen nach einem ersten Retreat wiederkommen.
Manche haben beim ersten Mal etwas erlebt, das sie tief berührt hat. Eine ungewohnte Stille. Klarheit. Weite. Eine Intensität der Wahrnehmung, die sie aus ihrem Alltag nicht kannten.
Diese Erfahrung kann ein wichtiger Grund sein, wiederzukommen.
Natürlich möchten sie wieder dorthin.
Nur: So funktioniert es nicht.
Denn die besondere Erfahrung ist beim ersten Mal gerade nicht entstanden, weil wir sie erleben wollten.
Vielleicht konnte sie entstehen, weil für einen Moment das Wollen stiller geworden war. Weil wir unsere Vorstellungen davon, was geschehen sollte, losgelassen hatten und wirklich da waren.
Beim zweiten Retreat wissen wir nun, was möglich ist.
Und im Hintergrund läuft die Frage:
Wann kommt es wieder?
Hier können Menschen lange hängen.
Wir versuchen etwas wiederherzustellen, das gerade dadurch entstanden ist, dass wir aufgehört hatten, etwas herstellen zu wollen.
Eine wirkliche Erfahrung wird zur Vorstellung
Gestern war die Meditation weit und still.
Heute ist sie unruhig.
Die gestrige Stille war wirklich.
Aber heute ist sie Erinnerung.
Wenn ich versuche, wieder dorthin zu kommen, schaue ich nicht mehr vollständig auf das, was jetzt geschieht.
Ich schaue auf die Gegenwart – und halte daneben ein Bild der Vergangenheit.
So war es.
So sollte es wieder sein.
Ausgerechnet eine tiefe Meditationserfahrung kann uns dann daran hindern, das zu tun, worum es für mich in Vipassana geht:
die Wirklichkeit wahrzunehmen, die jetzt da ist.
Woran erkennen wir, dass Meditation wirkt?
Nach vielen Jahren Praxis interessiert mich immer weniger, ob eine Meditation besonders tief, ruhig oder außergewöhnlich war.
Mich interessieren zwei andere Fragen:
Bist du wirklich jetzt gegenwärtig?
Und:
Was verändert die Praxis in deinem Leben?
Vielleicht denkst du während einer Stunde fünfzig Minuten. Aber erkennst du etwas früher, dass du denkst?
Wenn dich etwas verletzt – merkst du früher, was in dir geschieht?
Wenn Angst auftaucht – bist du ihr vollkommen ausgeliefert oder kannst du auch wahrnehmen: Da ist Angst?
Wenn dich jemand ärgert – entsteht ein kleiner Raum, bevor du reagierst?
Vielleicht sitzt jemand seit Jahren auf dem Meditationskissen und wartet darauf, endlich „gut meditieren“ zu können.
Und währenddessen hat sich sein Leben längst verändert.
Auch das Schöne loslassen
Das betrifft nicht nur Meditation.
Unser Körper konnte einmal etwas, was er heute nicht mehr kann.
Eine Beziehung hatte eine Nähe, die wir vermissen.
Wir haben uns einmal vollkommen lebendig gefühlt.
Nichts davon war eingebildet.
Aber sobald die Vergangenheit bestimmt, wie die Gegenwart sein sollte, kann etwas Schönes, das wirklich geschehen ist, uns daran hindern zu sehen, was jetzt geschieht.
Wir müssen nicht nur das Unangenehme loslassen.
Manchmal müssen wir gerade das Schöne loslassen.
Nicht indem wir es entwerten.
Es war schön.
Es war tief.
Es war wirklich.
Und es ist vorbei.
Jetzt ist dies hier.
Ein Retreat ist keine Wiederholung
Vielleicht ist das einer der Gründe, warum ein Retreat so interessant sein kann.
Für einige Tage fällt vieles weg. Für Essen und Unterkunft ist gesorgt. Es gibt wenig zu entscheiden. Wir müssen nichts darstellen und nirgendwohin.
Wir sitzen.
Wir gehen.
Wir essen.
Wir schlafen.
Und wir schauen.
Vielleicht wird es still.
Vielleicht wird es unruhig.
Vielleicht begegnen wir etwas Angenehmem, vielleicht etwas, das wir lieber nicht hätten.
Das Entscheidende ist nicht, eine bestimmte Erfahrung zu bekommen.
Nicht:
Wie bekomme ich die Erfahrung, die ich haben möchte?
Sondern:
Was geschieht jetzt?
Darin liegt für mich die Einladung eines Vipassana-Retreats.
Für einige Tage nicht versuchen, eine bestimmte Erfahrung herzustellen.
Sondern so wenig wie möglich verlangen, dass dieser Moment anders sein soll.
Und schauen, was dann geschieht.
Bild: Shakyamuni in Meditation, Detail aus „Miracle of the Dragon“, Cleveland Museum of Art, CC0.