Was hat Achtsamkeit mit Liebe zu tun?

Was haben Achtsamkeit und Liebe miteinander zu tun? Im Sommer 2003 bekam diese Frage für mich in Plum Village, dem von Thich Nhat Hanh gegründeten buddhistischen Praxiszentrum in Südfrankreich, eine überraschende Antwort.

An einem der ersten Tage gab es ein Kreisgespräch in unserer „Familie“. Wir saßen mit zwanzig oder fünfundzwanzig Besuchern und zwei Mönchen beim kleinen Bambuswäldchen in Upper Hamlet.

Das Thema war eine einfache Frage:

Was ist Liebe?

Zwei Stunden lang sprach einer nach dem anderen. Manche versuchten, Liebe zu erklären. Viele erzählten aus ihrem Leben. Manche sprachen von schmerzhaften Erfahrungen.

Am Ende bedankte sich der ältere Mönch für unsere Offenheit und die Weisheit, die in all diesen Beiträgen lag.

Dann fügte er einen einzigen Satz hinzu:

„Und du musst da sein.“

Seine Worte schlugen bei mir ein wie eine Bombe.

Wie konnte es sein, dass niemand daran gedacht hatte?

Zwanzig oder fünfundzwanzig Menschen hatten zwei Stunden lang über Liebe gesprochen. Wir hatten nachgedacht, erinnert, erklärt und unsere Erfahrungen geteilt.

Aber das Einfachste hatte niemand gesagt:

Um einen Menschen zu lieben, müssen wir da sein.

Achtsamkeit beginnt damit, da zu sein

Achtsamkeit und Liebe gehören für mich an genau diesem Punkt zusammen: Wir müssen anwesend sein, um einem anderen Menschen wirklich begegnen zu können.

Denn wie oft sind wir körperlich anwesend und trotzdem nicht wirklich da?

Wir hören einem Menschen zu und sind gleichzeitig mit unserer Antwort beschäftigt. Wir begegnen unserem Kind, unserem Partner, einem Freund – und reagieren bereits auf das, was wir erwarten, statt wahrzunehmen, was gerade geschieht.

Wir verlieren uns in Gedanken, Gewohnheiten und automatischen Reaktionen.

Genau hier beginnt für mich Achtsamkeit. Und genau hier beginnt Vipassana im Alltag.

Nicht mit einer besonderen Erfahrung.

Sondern mit der schlichten Frage:

Bin ich gerade da?

Kann ich wahrnehmen, was jetzt wirklich geschieht – in meinem Körper, in meinen Gefühlen, in meinem Denken und in dem Menschen, der mir gegenübersteht?

Meditation kann uns helfen, diese Rückkehr immer wieder zu üben.

Nicht damit wir niemals mehr abschweifen oder automatisch reagieren. Sondern damit wir früher bemerken, wenn wir nicht mehr da sind.

Und uns erinnern können.

Zurückkehren.

Zu diesem Körper.
Zu diesem Menschen.
Zu diesem Augenblick.

Damit wir wieder verfügbar sind.

Vielleicht beginnt Liebe genau dort.