Loslassen lernen heißt nicht, sich vom Leben abzuwenden. – und warum man manchmal alles Gott in die Hände donnern darf.
Wie viel von dieser Welt kann ich tragen, ohne mich von ihr abzuwenden? Wie bleibe ich offen für das, was mich berührt, ohne mich davon überwältigen zu lassen? Und wie gehe ich mit den Dingen um, die ich nicht ändern kann?
Loslassen bedeutet nicht unbedingt, dass wir eine Lösung gefunden haben. Manchmal bedeutet es, dass wir aufhören, gegen etwas anzukämpfen, das gerade zu unserem Leben gehört.
In meinem Podcastgespräch mit Regine begegnen wir diesen Fragen auf eine sehr persönliche Weise.
Manchmal darf man es Gott in die Hände donnern
Regine erzählt von ihrer Großmutter und einem Rat, der sie bis heute begleitet.
Abends darf sie alles in Gottes Hände legen. Und wenn das nicht reicht, darf sie es ihm auch in die Hände donnern.
Was für ein Bild!
Da ist nichts von der Vorstellung, man müsse immer friedlich, gelassen oder voller Vertrauen sein. Auch Wut, Verzweiflung und Überforderung dürfen da sein. Wir müssen nicht erst einen schönen inneren Zustand herstellen, bevor wir etwas loslassen können.
Vielleicht müssen wir noch nicht einmal wissen, wohin damit.
Die Geschichte ihrer Großmutter ist einer der Momente unseres Gesprächs, die mir besonders in Erinnerung geblieben sind.
Wie kann ich loslassen, ohne gleichgültig zu werden?
Regine stellt im Gespräch eine Frage, die viele Menschen kennen: Wie viel kann ich von dieser großen Welt tragen, um mit ihr verbunden zu bleiben?
Wir möchten Anteil nehmen. An den Menschen, die uns nahestehen, an gesellschaftlichen Entwicklungen, an Leid und Ungerechtigkeit. Gleichzeitig kann das, was wir aufnehmen, zu viel werden.
Regine erzählt, wie sie zunehmend auf die Signale ihres Körpers achtet. Wenn die Belastung zu groß wird, reagiert ihr Bauch, oder in ihrem Kopf zieht sich etwas zusammen.
Ihr Körper wird zu einer Orientierung dafür, wie viel sie gerade aufnehmen kann.
Das bedeutet nicht, dass ihr die Welt gleichgültig wird. Es bedeutet, dass sie ihre eigenen Grenzen wahrnimmt.
Loslassen und verbunden bleiben müssen keine Gegensätze sein.
Was hat Loslassen mit Vipassana-Meditation zu tun?
In der Vipassana-Meditation üben wir, wahrzunehmen, was gerade geschieht: Körperempfindungen, angenehme und unangenehme Erfahrungen, Gedanken und Stimmungen.
Wenn etwas Schwieriges auftaucht, versuchen wir häufig sofort, es zu verändern. Wir suchen eine Erklärung, eine Lösung oder wenigstens einen Weg, uns wieder besser zu fühlen.
Aber was geschieht, wenn wir zunächst einfach wahrnehmen?
Da ist vielleicht Anspannung im Bauch. Traurigkeit. Wut. Oder das Gefühl, nicht mehr zu können.
Wir müssen nichts davon ausschließen. Wir müssen aber auch nicht zulassen, dass eine einzige schwierige Erfahrung unser gesamtes Erleben bestimmt.
Wir können uns immer wieder daran erinnern, wahrzunehmen, was tatsächlich da ist.
Das ist eine Übung, die weit über den Meditationssaal hinausgeht – hinein in unsere Familien, Freundschaften, Gespräche und alltäglichen Schwierigkeiten.
Was verändert sich, wenn ich nichts verändern muss?
Regine erzählt von einer Erfahrung während eines Vipassana-Retreats, die sie tief berührt hat: In ihr hatte sich viel bewegt, obwohl sie gar nichts dafür getan hatte.
Mich interessiert an der Meditation genau diese Möglichkeit.
Wir schaffen Bedingungen, unter denen wir immer weniger ausschließen müssen. Wir müssen uns nicht zuerst beruhigen, verbessern oder verändern, um wahrnehmen zu dürfen, was gerade geschieht.
Manchmal entsteht daraus Ruhe. Manchmal überhaupt nicht.
Und manchmal entdecken wir, dass wir mit etwas leben können, für das wir bislang unbedingt eine Lösung finden wollten.
Vielleicht besteht Loslassen nicht darin, die Welt, andere Menschen oder unsere Verantwortung loszulassen. Vielleicht lassen wir zunächst die Vorstellung los, dass wir alles in Ordnung bringen müssen.
Ein Podcast über Loslassen, Vertrauen und die Kunst, verbunden zu bleiben
In unserem Gespräch erzählt Regine nicht nur von ihrer Großmutter. Wir sprechen auch über ihre große Familie, ihre Arbeit mit selbst gefertigten Puppen, gesellschaftliche Meinungsverschiedenheiten und ihre Erfahrungen mit Meditation.
Dabei begegnen wir immer wieder derselben Frage: Wie können wir offen bleiben für das Leben, auch wenn es schwierig wird?
Es ist ein Gespräch über Freude und Trauer, über die Weisheit des Körpers, über Vertrauen und darüber, was geschehen kann, wenn wir aufhören, ständig etwas erreichen zu wollen.
Und vielleicht entdecken wir dabei, dass wir viel mehr halten können, als wir zunächst glauben – ohne alles lösen zu müssen.
Ich lade dich ein, Regine und mir zuzuhören.
🎧 Podcast auf YouTube ansehen:
Warum ich nicht mehr alles lösen muss | Regine
Wenn du solche Fragen nicht nur gedanklich bewegen, sondern in der eigenen Erfahrung untersuchen möchtest, findest du bei uns auch tägliche Online-Meditationen und Vipassana-Retreats.