Meditation beginnt dort, wo die Ruhe aufhört

Das Unangenehme wird zur Hölle, wenn wir glauben, es sei endlos.

Mich begleitet seit Langem das Bild von Kṣitigarbha, dem Bodhisattva, der in die Höllenbereiche hinabsteigt.

Kṣitigarbha trägt einen Stab mit Ringen und einen klaren, leuchtenden Kristall. Und tut etwas Entscheidendes: Sie geht hinein.

Kṣitigarbha bleibt nicht am Eingang der Hölle stehen und ruft den Wesen zu, dass sie positiver denken sollen. Versucht nicht, ihnen einzureden, dass es dort eigentlich gar nicht so schlimm sei.

Kṣitigarbha betritt die Hölle.

Und kommt wieder heraus.

Vielleicht liegt genau darin die Kraft dieses Bildes.

Was macht eine Hölle zur Hölle?

Es gibt Schmerz. Krankheit. Verlust. Einsamkeit. Angst. Einen Menschen, der stirbt. Eine Beziehung, die zerbricht. Einen Körper, der weh tut. Eine Situation, für die wir keine Lösung sehen.

All das kann furchtbar unangenehm sein.

Aber etwas Weiteres geschieht, wenn in uns die Gewissheit entsteht:

Ich komme hier nicht mehr heraus.

Dann bekommt das Leiden eine andere Qualität.

Nicht nur: Es tut weh.

Sondern: Es wird immer wehtun.

Nicht nur: Ich weiß gerade nicht weiter.

Sondern: Es gibt keinen Weg.

Nicht nur: Mein Leben ist im Augenblick dunkel.

Sondern: So ist mein Leben.

Das Unangenehme wird zur Hölle, wenn wir glauben, es sei endlos.

Kṣitigarbha geht hinein

Das bedeutet für mich: dem Leiden wirklich begegnen.

Nicht die Augen schließen. Nicht vorschnell trösten. Nicht sofort versuchen, das Erleben in etwas Angenehmes zu verwandeln.

Was geschieht hier wirklich?

Was fühle ich?

Was denke ich?

Und was macht mein Geist daraus?

Das ist für mich Vipassana.

Wir schauen so tief und so ehrlich wie möglich auf das, was tatsächlich geschieht.

Und gerade dadurch kann etwas sichtbar werden, das mitten im Leiden leicht verloren geht:

Auch dies ist nicht fest.

Der Kristall

Auf Darstellungen trägt Kṣitigarbha häufig einen klaren Kristall oder ein leuchtendes Juwel.

Der Kristall argumentiert nicht mit der Dunkelheit.

Er leuchtet.

Das ist für mich ein schönes Bild für Bewusstheit.

Wenn Angst da ist, müssen wir sie nicht überzeugen, keine Angst zu sein. Wenn Trauer da ist, müssen wir keine Freude daraus machen. Wenn wir verzweifelt sind, müssen wir uns nicht einreden, dass alles gut wird.

Wir können zunächst wahrnehmen.

Da ist Angst.

Da ist Enge.

Da ist der Gedanke: Ich halte das nicht aus.

Da ist der Gedanke: Das wird nie aufhören.

Und plötzlich ist da nicht mehr nur Angst.

Da ist Angst – und das Wissen um die Angst.

Da ist ein Gedanke – und das Erkennen des Gedankens.

Der Kristall beginnt zu leuchten.

Hineingehen – und wieder aufstehen

Eine meiner ersten sehr bewussten Begegnungen mit Tod und Sterben hatte ich als junger Mann.

Ich hatte mir als Junge gewissermaßen eine zweite Familie ausgesucht, die Familie eines Freundes. Ich fühlte mich dort so zu Hause, dass ich mich beinahe selbst zur Adoption angeboten hatte. Seine Mutter wurde für mich eine Art Ersatzmutter.

Sie starb jung an Krebs.

Als sie starb, war ich in Rumänien. Als ich zurückkam, war sie gerade erst verstorben.

Ich legte mich zu ihr ins Bett.

Ich schloss die Augen und ließ wirklich zu mir durchdringen:

Sie ist tot. Dieser Körper neben mir lebt nicht mehr. Er wird zerfallen.

Und zugleich wusste ich:

Ich werde gleich wieder aufstehen.

Das Leben geht weiter.

Ich erinnere diese Situation nicht als etwas Schreckliches. Im Gegenteil. Es war sehr intim. Eine Nähe zu diesem Menschen, zu ihrem Tod und zu der Wirklichkeit dessen, was geschehen war.

Vielleicht berührt mich deshalb das Bild Kṣitigarbhas so sehr.

Hineingehen heißt nicht, dort bleiben zu müssen.

Wir können einen Menschen beim Sterben begleiten und danach wieder in die Sonne gehen.

Wir können tief trauern und einen schönen Baum sehen.

Wir können verzweifelt sein und am nächsten Morgen lachen.

Das eine macht das andere nicht unwahr.

Vielleicht besteht Freiheit gerade darin, dass wir uns immer weniger vor irgendeinem Bereich der Wirklichkeit schützen müssen.

Ich kann hineingehen. Und ich kann wieder herausgehen.

Und dann geht Kṣitigarbha zurück

Aber hier endet das Bild nicht.

Kṣitigarbha kennt den Weg aus der Hölle – und geht wieder hinein.

Das ist für mich das Bodhisattva-Bild.

Freiheit endet nicht bei der eigenen Freiheit.

Wer selbst eine Hölle kennengelernt hat, kann manchmal zurückgehen – diesmal nicht nur als Gefangener, sondern als Begleiter.

Mit einem kleinen Licht in der Hand.

Das sehe ich bei Menschen, die Schweres durchlebt haben und später anderen gerade dort beistehen können. Nicht weil Leiden automatisch weise macht. Aber manchmal entsteht aus wirklich durchschrittenem Leiden eine besondere Vertrautheit:

Ich kenne diesen Ort.

Ich weiß, wie überzeugend die Dunkelheit sein kann.

Und ich weiß, dass auch sie nicht endlos ist.

Manchmal genügt die Anwesenheit eines solchen Menschen.

Er muss uns nicht retten.

Dass er hier sitzt, ist bereits eine Botschaft.

Vielleicht sind wir alle Bodhisattvas

Ich habe ein Leitbild, das mich seit Langem begleitet:

Wir sind im Wesen Bodhisattvas. Das ist unsere wahre Natur.

Wir kommen als freie Wesen in eine Welt, in der Verblendung, Gier und Hass wirken. Wir verstricken uns. Wir glauben unseren Gedanken. Wir halten fest. Wir haben Angst. Wir verletzen und werden verletzt.

Und irgendwann beginnen wir hinzuschauen.

Wir entdecken Freiheit.

Wir vergessen sie wieder.

Wir entdecken sie erneut.

Vielleicht ist der Bodhisattva deshalb für mich weniger ein fernes religiöses Ideal als ein Bild für etwas zutiefst Menschliches.

Nicht keine Höllen mehr zu kennen.

Sondern hineingehen zu können, ohne die Gewissheit zu verlieren, dass auch diese Wirklichkeit sich verändert.

Und vielleicht irgendwann zurückzugehen.

Zu einem Menschen, der gerade nicht sehen kann, was wir selbst einmal nicht sehen konnten.

Nicht um ihn herauszuziehen.

Vielleicht nur, um eine Weile neben ihm zu sitzen.

Mit einem kleinen Licht in der Hand.