Die Fähigkeit, naiv zu werden

„Naiv“ ist im heutigen Sprachgebrauch meistens kein Kompliment.

Wenn wir jemanden politisch naiv nennen, meinen wir gewöhnlich: Er durchschaut die Zusammenhänge nicht. Ihm fehlt Erfahrung, Sachkenntnis oder Urteilsvermögen.

Aber das Wort hat noch eine andere Bedeutung. Der Duden nennt neben „arglos“, „gutgläubig“ und „einfältig“ auch: „kindlich unbefangen, direkt“. In der Literaturwissenschaft bezeichnet „naiv“ sogar etwas, das „in vollem Einklang mit Natur und Wirklichkeit“ steht.

In dem Wort liegen also zwei sehr unterschiedliche Möglichkeiten.

Ein Mensch kann naiv sein, weil er etwas nicht weiß.

Und ein Mensch kann die Fähigkeit besitzen, naiv zu werden, obwohl er viel weiß.

Diese zweite Naivität interessiert mich. Für mich ist sie ein wesentlicher Teil von Vipassana.

Naivität vor und nach dem Wissen

Ein Kind begegnet vielem naiv, weil es die Welt noch nicht kennt.

Das hat offensichtliche Nachteile. Ihm fehlen Erfahrungen und Unterscheidungen, die ein Erwachsener braucht.

Aber ein Kind besitzt gleichzeitig etwas, das wir Erwachsenen leicht verlieren:

Es kann schauen, bevor es weiß, was es sehen soll.

Vielleicht berührt Jesus etwas davon, wenn er ein Kind in die Mitte seiner Jünger stellt und sagt: „Wenn ihr nicht umkehrt und werdet wie die Kinder, so werdet ihr nicht ins Himmelreich kommen.

Mich interessiert diese Bewegung. Der Weg führt offenbar nicht nur über immer mehr Wissen, Erfahrung und Kompetenz. Es gibt auch eine Bewegung zurück – oder vielleicht hindurch – zu einer neuen Unbefangenheit.

Nicht wieder unwissend werden.

Sondern nach dem Wissen wieder naiv werden können.

Naive Kunst

In der Kunst lässt sich dieser Unterschied gut sehen.

Henri Rousseau, einer der bekanntesten Vertreter naiver Kunst, war Autodidakt. Seine berühmten Dschungelbilder entstanden ohne akademische Kunstausbildung – und sogar ohne dass Rousseau jemals einen Dschungel gesehen hatte.

Bei Palmer Hayden liegt die Sache anders.

Hayden studierte Kunst in New York, Maine und Paris. Er konnte also auf eine akademische Ausbildung zurückgreifen. Trotzdem entwickelte er später bewusst einen naiven Stil. In Midsummer Night in Harlem von 1938 sieht man vereinfachte Figuren und flächige Formen – zugleich verraten Komposition und Perspektive seine Ausbildung.

Das finde ich interessant:

Der Künstler könnte anders.

Naivität ist dann nicht einfach das, was übrig bleibt, weil jemand etwas noch nicht gelernt hat.

Sie wird nach dem Lernen wieder möglich.

Wissen hilft uns – und kann uns blind machen

Wir brauchen Wissen. Wir lernen aus Erfahrungen, erkennen Zusammenhänge und unterscheiden immer genauer.

Aber Wissen hat eine Nebenwirkung.

Je mehr wir wissen, desto schneller wissen wir auch, was etwas ist.

Wir sehen einen Menschen – und wissen schon, mit wem wir es zu tun haben.

Wir hören „AfD“, „Grüne“, „Trump“, „Migration“, „Israel“, „Palästina“ oder „Elon Musk“ – und ein ganzes Geflecht aus Informationen, Bewertungen und Gefühlen ist bereits da.

Das ist nützlich.

Und es kann uns blind machen.

Denn irgendwann sehen wir möglicherweise nicht mehr, was vor uns steht. Wir sehen vor allem noch, was wir bereits darüber wissen.

Was mich an Elon Musk fasziniert

Elon Musk ist für mich ein interessantes Beispiel.

Ich beschäftige mich seit vielen Jahren mit seiner Arbeit und habe vermutlich einige hundert Stunden lange Gespräche mit ihm gehört.

Mich interessiert dabei nicht nur, was er denkt, sondern wie er denkt.

Immer wieder entsteht bei mir der Eindruck, einem Menschen tatsächlich beim Denken zuzusehen. Eine Frage wird gestellt. Musk hält inne. Dann beginnt er zu suchen.

Natürlich ist das meine Wahrnehmung. Ich sehe einen Menschen in aufgezeichneten Gesprächen und interpretiere, was ich sehe.

Aber ich glaube bei ihm eine Fähigkeit zu erkennen, die ich mit Naivität meine:

Sehr viel wissen und trotzdem wieder nicht wissen können.

Vielleicht erklärt diese naive Neugier sogar einen Teil seines ungewöhnlichen Erfolgs.

Ein Gedanke, den Musk immer wieder formuliert, passt dazu sinngemäß:

Die Physik ist Gesetz. Alles andere sind Empfehlungen.

Dass eine Rakete auf eine bestimmte Weise gebaut werden müsse, weil Raketen eben so gebaut werden, ist noch kein Naturgesetz. Dasselbe gilt für Autos, Fabriken oder Unternehmen.

Die Frage lautet zunächst:

Was lässt die Wirklichkeit tatsächlich zu?

Wenn die Physik etwas ausschließt, wird es nicht funktionieren.

Wenn aber nur unsere Gewohnheiten und Vorstellungen sagen, dass etwas unmöglich sei, kann man noch einmal schauen.

Man weiß, wie Raketen gebaut werden.

Und dann versucht man für einen Moment zu vergessen, wie Raketen gebaut werden.

Nicht um das Wissen wegzuwerfen, sondern um unterscheiden zu können:

Was davon ist Wirklichkeit – und was nur das, was wir bisher für Wirklichkeit gehalten haben?

Und ausgerechnet bei Musk verliere ich leicht meine Naivität

Hier wird es für mich persönlich interessant.

Denn genau diese Fähigkeit fällt mir manchmal schwer, wenn andere Menschen über Musk sprechen.

Jemand sagt etwas, das nach allem, was ich weiß, falsch oder zumindest schlecht informiert erscheint.

Und ich beginne zu erklären.

Ein Beispiel führt zum nächsten. Auf einen Einwand kann ich mit einem weiteren Interview, einer Entwicklung oder einer Aussage reagieren.

Vielleicht habe ich sogar recht.

Aber irgendwann geschieht etwas Interessanteres:

Ich untersuche nicht mehr. Ich beweise.

Ich weiß schon, warum mein Gegenüber zu seiner Ansicht gekommen ist: Er ist nicht ausreichend informiert.

Vielleicht stimmt sogar das.

Aber habe ich noch gefragt?

Was meint dieser Mensch eigentlich genau?

Was hat er gesehen?

Weiß er etwas, das ich nicht weiß?

Und könnte seine Antwort mein eigenes Bild tatsächlich verändern?

Wenn nicht, bin ich vielleicht sehr gut informiert.

Aber ich schaue nicht mehr.

Sich naiv machen

Damit komme ich für mich unmittelbar zu Vipassana.

Wir können lernen, uns naiv zu machen.

Das bedeutet nicht, dümmer zu werden. Ich muss meine Erfahrungen nicht verleugnen und mein Wissen nicht vergessen. Eine gut belegte Aussage und eine beliebige Behauptung sind nicht dasselbe.

Ich stelle mein Wissen für einen Moment zur Seite.

Und schaue.

Was ist tatsächlich da?

Was weiß ich?

Was glaube ich?

Was schließe ich aus?

Und könnte es anders sein?

Diese Fähigkeit, sich naiv zu machen, ist für mich ein wesentlicher Teil von Vipassana.

Nichtwissen ist nicht Unwissenheit

Unwissenheit weiß etwas nicht.

Das Nichtwissen, von dem ich hier spreche, kennt das Wissen – ist aber nicht vollständig darin gefangen.

Der Anfänger weiß nicht, weil er noch nicht gelernt hat.

Der Erfahrene kann nicht wissen, weil er gelernt hat, sein Wissen zur Seite zu stellen.

Das Zweite ist schwieriger.

Gerade wenn ich viel von einem Gebiet verstehe, habe ich gute Gründe, meinem Urteil zu vertrauen.

Kann ich trotzdem für einen Moment wieder Anfänger sein?

Kann ich eine Frage stellen, die nicht nur ein Argument mit einem Fragezeichen am Ende ist?

Kann mein Gegenüber etwas sagen, das mein Bild tatsächlich verändert?

Vielleicht besteht Weisheit nicht darin, irgendwann so viel zu wissen, dass wir die Welt verstanden haben.

Vielleicht besteht sie auch in der zunehmenden Fähigkeit, unser Wissen wieder zur Seite zu stellen – lange genug, damit die Wirklichkeit noch einmal die Gelegenheit bekommt, uns zu überraschen.

Es gibt eine Naivität vor dem Wissen.

Und eine Naivität nach dem Wissen.

Die erste bekommen wir geschenkt.

Die zweite müssen wir üben.

Für mich ist genau diese zweite Naivität Vipassana:

wissen – das Wissen zur Seite stellen – schauen – und bereit sein, dass die Wirklichkeit anders ist, als wir bisher wussten.